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19.10.2017
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ACE FORDERT NEUES KRAFTSTOFFSTEUERSYSTEM

Wie saubere Mobilität gedacht werden muss

Matthias Knobloch, Verkehrspolitik und Leiter Hauptstadtbüro ACE

Matthias Knobloch, Verkehrspolitik und Leiter Hauptstadtbüro ACE [Quelle: ACE]


"Für die neue Mobilität ist ein neues Kraftstoffsteuersystem überfällig", sagt ACE-Experte Matthias Knobloch. Für alle Energieträger brauche es eine "einheitliche Besteuerungsgrundlage, beispielsweise bezogen auf Effizienz oder Energiegehalt."


Einige Großstädte erwägen Einschränkungen für bestimmte Diesel-Autos. Hat die Motortechnik noch eine Zukunft?
Die Debatte um den Diesel muss differenziert geführt werden. Klar ist, dass in der Vergangenheit die gesundheitsschädlichen Stickoxid-Ausstöße von Dieselmotoren systematisch ignoriert worden sind. Trotz immer strenger werdender Zulassungsgrenzwerte haben sich die realen Stickoxid-Werte kaum vermindert. Die Umwelt und die Gesundheit der Menschen in den Städten sind aber nicht an Zulassungswerten, sondern an Realwerten interessiert. Der Diesel hat aber gegenüber dem Benzinmotor Vorteile, wenn es um Effizienz und Klimaschutz geht. Grundsätzlich können auch saubere Dieselfahrzeuge gebaut werden, dies wird allerdings etwas aufwendiger und auch etwas teurer werden. Bei kleinen Fahrzeugen im Stadtverkehr mit wenig Fahrleistung wird der Diesel sicherlich zukünftig eine geringere Rolle spielen. Für größere Pkw mit hohen Fahrleistungen ist ein sauberer Diesel auch zukünftig eine gute Wahl – vorausgesetzt die Hersteller liefern tatsächlich saubere Fahrzeuge aus und gewinnen das Vertrauen der Kunden zurück. Für uns als ACE muss klar sein, dass neue Fahrzeuge auch im Realbetrieb die Grenzwerte einhalten, sonst gehören sie nicht auf die Straße. Im Bestand wird es jetzt darum gehen, Nachrüstlösungen zu finden, hier stehen Politik und Hersteller auch kostenmäßig in der Verantwortung. Dabei geht es uns nicht darum, dass ältere Fahrzeuge nach der Umrüstung komplett die strengen Grenzwerte für Neuwagen einhalten. Auch mit einer deutlichen Reduzierung der derzeit vorhandenen viel zu hohen Werte kann die Luft in den Städten deutlich verbessert und die Diskussion um Fahrverbote möglicherweise entschärft werden.

Insbesondere Lkw fahren besonders häufig mit Diesel. Wie können Diesel-Verbote oder ähnliche Einschränkungen die erhofften Effekte erzielen, ohne die Versorgung zu gefährden?
Dieselverbote werden derzeit nur für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge diskutiert. Gerade in neueren Lkw sind bereits heute Techniken zum Stickoxidverbrauch verbaut, die in Pkws meist noch fehlen. Wichtig ist dabei aber zu kontrollieren, dass diese Einrichtungen auch genutzt und nicht abgeschaltet werden, um die Kosten für Harnstoffbeimischungen zu reduzieren. Unabhängig von größeren Lkws im gewerblichen Verkehr, die in den Städten nicht so oft genutzt werden, brauchen wir aber Versorgungsfahrzeuge bspw. für die Müllabfuhr oder den Busbetrieb. Auch hier muss natürlich klar sein, dass bei der Beschaffung darauf geachtet wird, dass die Fahrzeuge tatsächlich sauber sind. Bei solchen Fahrzeugen mit einem begrenzten Aktionsradius bietet sich auch der Umstieg auf Erdgas oder bei kleineren Fahrzeugen auf die E-Mobilität an. Gerade wenn Routen und Fahrwege bekannt sind, spielen Reichweiten- oder Tankstellensorgen, die im Privatbereich oft geäußert werden, keine Rolle mehr.

Warum wird Diesel-Kraftstoff an der Tankstelle trotz der erwogenen Einschränkungen immer noch steuerlich begünstigt?
Nach wie vor ist der Diesel effizient und klimafreundlich. Aufgrund des geringeren Verbrauchs hätten die Kunden aber auch Vorteile ohne das Dieselprivileg. Überfällig ist eine einheitliche Besteuerungsgrundlage, beispielsweise bezogen auf Effizienz oder Energiegehalt, die auf Diesel und Benzin genauso angewendet werden kann wie auf Fahrstrom oder Erdgas. Für die neue Mobilität ist ein neues Kraftstoffsteuersystem überfällig.

Schon die Ankündigungen von Einschränkungen haben dem Absatz von Dieselfahrzeugen geschadet – kann davon das E-Auto profitieren?
Das E-Auto kann profitieren, wenn es der Kunde vernünftig nutzen kann. Als Kleinwagen in Städten sind Elektroautos bereits heute praktisch einsetzbar, auch wenn der herkömmliche Verbrenner für die Kunden meist noch praktischer ist. Erschreckend ist allerdings immer noch die Preispolitik einiger Hersteller. Gerade bei deutschen Herstellern kostet ein E-Auto als Einstiegspreis manchmal doppelt so viel wie ein herkömmliches Fahrzeug. Dieser Preisunterschied führt dazu, dass die Menschen eben kein E-Fahrzeug kaufen. Dazu kommt, dass es an „Kombilösungen“ fehlt: Zum Beispiel ich kaufe ein E-Fahrzeug für die täglichen Wege und kann dies in der Urlaubszeit gegen einen sauberen Diesel für die Langstrecke umtauschen. E-Mobilität muss als System verkauft werden und nicht nur als Fahrzeug. Die Dieselkrise führt sicherlich zur erhöhten Aufmerksamkeit für die E-Mobilität, gekauft werden diese Fahrzeuge von den Menschen aber erst dann, wenn sie preislich attraktiv sind und das Gesamtmobilitätspaket passt.