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21.11.2017
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DER MITTELSTAND MUSS UMDENKEN

IHK-Chef über den digitalen Erdrutsch in Wirtschaft und Gesellschaft

Ulf Reichardt, Hauptgeschäftsführer der IHK Köln

Ulf Reichardt, Hauptgeschäftsführer der IHK Köln [Quelle: Ulrich Kaifer]


Digitale Transformation heißt: Chancen nutzen!
Die Kartenzahlung an der Baumarktkasse, das Smartphone als ständiger Begleiter, der digitale Körperscan am Flughafen: Digitalisierung begegnet und begleitet uns überall im Alltag. Neben unmittelbaren Auswirkungen auf unsere Lebenswelt, hat sie auch erheblichen Einfluss auf die Zukunft der Unternehmen und damit unserer regionalen Wirtschaft.

Aus ihrer betrieblichen Praxis wissen Unternehmerinnen und Unternehmer, wie wichtig es ist, ihre Geschäftsprozesse, beispielsweise durch Automatisierung und moderne IT-Lösungen, laufend zu optimieren. Doch neue Technologien und veränderte Kundenerwartungen stellen heutzutage ganze Geschäftsmodelle und Branchen auf den Prüfstand. Die digitalen Erfolgsstorys der letzten 20 Jahre haben die Märkte hungrig gemacht. Weltweit und in jeder Branche wird zurzeit jeder Stein umgedreht: „Kann man das digital anders lösen? Gibt es hier ungenutztes Geschäftspotenzial?“ Klassische Medien konkurrieren mit Social Media und modernen News-Apps um Aufmerksamkeit, 3D-Druck-Verfahren revolutionieren Herstellungsprozesse und selbst traditionsreiche Geschäftszweige wie das Bestattungsgewerbe sind nicht ausgenommen – auch hier gibt es längst Online-Vergleichsportale. Nicht etwa die Branche hat dieses Portal entwickelt, sondern ein Startup, das den Bedarf entdeckt hat.

Der digitale Erdrutsch
Wer schnelle und smarte Lösungen entwickelt, und damit den Anspruch des Kunden am besten erfüllt, der kann aus dem Nichts heraus einen kompletten Markt umkrempeln. Zwar sind auch in Zukunft Tradition und ein guter Name wichtige Faktoren; aber sie sind längst keine Garantie mehr für eine stabile Marktposition und für Wachstum. Der Begriff „Disruption“ beschreibt diese Entwicklung, in der eine digitale Neuentwicklung ein bestehendes Geschäftsmodell oder einen gesamten Markt ab- bzw. auflösen kann. „Eine gute Idee zerlegt ganze Branchen“ schrieb die Redaktion der F.A.Z. im Dezember 2015 über das „Wirtschaftswort des Jahres“. Und bei allem Hype, der immer noch um diesen Begriff gemacht wird: Trifft einen diese Entwicklung unvorbereitet, ist sie eine Gefahr für jeden gestandenen Mittelständler. Zugleich ist die digitale Disruption eine Chance für Startups mit dem nötigen Innovationspotenzial. Diese Entwicklung einzuschätzen, für das eigene Unternehmen zu bewerten und die notwendigen Schritte einzuleiten, das ist Chefsache. Leider oft verkannt. In einer bitkom-Umfrage haben drei Viertel der Mittelständer angegeben, dass Digitalisierung für ihr Geschäftsmodell kein Thema ist. Hier muss ein deutliches Umdenken her!

Chance zur Neuausrichtung
Mit unserer IHK-Initiative „Digital Cologne“ möchten wir Unternehmen sensibilisieren und aktivieren, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und individuelle Wege zu gehen. Denn gerade unser regionaler Mittelstand hat die besten Chancen, von der Digitalisierung zu profitieren. Die Analyse und Optimierung von Prozessen sowie die Beobachtung von Märkten sind bekannte Managementprozesse. Dazu kommt die regionale Verankerung, die genaue Kenntnis der Kunden und ihrer Bedürfnisse. Das Vertrauen in bewährte Marken kann erhalten bleiben, wenn diese genauso smart und nahbar sind, wie die oft aggressivere Konkurrenz aus der digitalen Welt. Ein schlüssiges Modell ist die Verbindung von digitalen Startups und dem Mittelstand. Ein Vermittler und „Übersetzer“ ist der „Digital Hub Cologne“, den die IHK Köln gemeinsam mit der Stadt Köln und der Universität zu Köln mit der Unterstützung von NRW-Landesmitteln gegründet hat.

Die Kölner Gründerszene wird national wie international immer stärker wahrgenommen. Dies liegt z.B. an der Etablierung erfolgreicher Veranstaltungsformate wie der StartupCon oder des Pirate Summit. Neben Berlin, Hamburg und München ist Köln der viertwichtigste Startup-Standort in Deutschland, der aber bisher zu wenig sichtbar war. Köln war zeitweise ein Hidden Champion, bietet aber im Vergleich zur Hauptstand Berlin einen starken Mittelstand und hochwertige Industriekontakte, die für Startups ein großes Potenzial an Businesskunden versprechen. Ein Kernmerkmal des Kölner Standortes ist die Verzahnung zwischen etablierten Branchenschwerpunkten, wie z.B. in der Versicherungswirtschaft, mit innovativen, teils disruptiven Geschäftsmodellen der Startup-Szene. Das Bundeswirtschaftsministerium hat im April 2017 mitgeteilt, dass die Bewerbung Kölns um einen DE:Hub erfolgreich war. Durch den Aufbau des InsurLab Germanys wird Köln z. B. der Standort für die digitale Versicherungszukunft. Die Vernetzung über die Stadtgrenzen hinaus bleibt indes eine große Herausforderung.

Auf dem Weg zur (digitalen) Metropolregion
Die Industrie- und Handelskammern engagieren sich bereits seit mehreren Jahren für die Metropolregion Rheinland. Denn das Rheinland hat immenses Potenzial: Es verfügt über eine hohe Dichte an Forschungseinrichtungen. Die Anzahl und Qualität staatlicher und privater Lehr- und Forschungseinrichtungen macht es zu einer der forschungsstärksten Regionen in Deutschland. Das zeigt sich auch bei den Studierendenzahlen. Über 44 Prozent der landesweit rund 760.000 eingeschriebenen Studierenden sind an einer Hochschule im Rheinland immatrikuliert. Zusätzlicher Antrieb entsteht durch die drei Zentren der Helmholtz-Gemeinschaft sowie die zahlreichen Forschungsinstitute. Um Innovationen gezielt voranzutreiben, fordern wir als rheinische IHKs, die Fördermittel so einzusetzen, dass sie die größte Innovationskraft entfalten. Unlängst hat die neue Landesregierung mit dem "Rheinland Valley" den Willen zur digitalen Leitregion bekräftigt. Gerne unterstützen wir als IHK Köln und mit der gemeinsamen IHK-Initiative Rheinland dieses ambitionierte Ziel.

Fazit: Wer hinter die teils hippen Begriffe der Digitalisierung blickt, stellt fest, dass Unternehmen immer noch funktionieren wie Unternehmen. Das heißt, sie lassen sich managen. Immer wichtiger wird es jedoch, eine Unternehmenskultur zu leben, die offen ist für Anpassung, Neuausrichtung und Veränderung. Eine "digitale Leitregion" wird sich nicht nur am Digitalisierungsbudget bemessen lassen. Entscheidend werden das Innovationspotenzial und der Vernetzungsgrad der einzelnen Akteure sein, der öffentlichen und privatwirtschaftlichen Institutionen und Unternehmen. Hier sehe ich die Region Köln und das Rheinland auf einem guten Weg. Und diesen werden wir auch zukünftig mitgestalten - für die Region, für die Unternehmen.