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24.09.2017
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DIE WIRTSCHAFT NICHT ALLEIN LASSEN

Damit unzureichende Digitalkompetenzen nicht zum Hindernis werden

Eberhard Flammer, Präsident der IHK Arbeitsgemeinschaft Hessen

Eberhard Flammer, Präsident der IHK Arbeitsgemeinschaft Hessen [Quelle: Sophie Cyriax]


"In der schulischen MINT-Bildung sollten die Fächer Informatik und Technik in vergleichbarer Weise wie die Naturwissenschaften gestärkt werde", fordert Eberhard Flammer, Präsident der IHK Arbeitsgemeinschaft Hessen. Insgesamt sieht er seine Region auf einem guten Weg in die digitale Welt.


Bayern und Baden-Württemberg haben Milliarden-Investitionen angekündigt und liefern sich einen Wettlauf um die „digitale Leitregion“. Andere Regionen werden solche Summen nicht aufbringen können – droht in Deutschland eine regionale Digitalisierungs-Gap?
Nein, eine regionale Digitalisierungslücke sehe ich für Hessen gegenüber Bayern und Baden-Württemberg nicht. In Frankfurt am Main ist mit DE-CIX der Internetknoten mit dem weltweit größten Datenaustauschvolumen beheimatet. Mit diesem Netzknoten bieten Frankfurt am Main und die Region sehr gute Voraussetzungen für die digitalisierte Produktion. In Darmstadt arbeitet ein überregional sichtbares wissenschaftlich technisches IT- und Software-Cluster aus Unternehmen, Hochschulen, Forschungseinrichtungen sowie der Netzwerkinitiative IT for Work. Die Landesregierung hat mit ihrer "Strategie digitales Hessen" einen ersten Schritt in die richtige Richtung getan. Jetzt heißt es, diese Strategie mit einem ganzen Maßnahmenbündel aktiv umzusetzen.

Neben der Infrastruktur sollen auch Themen wie Bildung oder Sicherheit angegangen werden. Wo sehen Sie in Ihrer Region den größten Handlungsbedarf?
Die Vermittlung digitaler Kompetenzen ist deutschlandweit der Schlüssel, um das geschätzte Wertschöpfungspotenzial der Digitalisierung heben zu können. Ein Mangel an gut ausgebildeten Mitarbeitern, z. B. Entwickler oder Big Data-Analysten und unzureichende „Digitalkompetenzen“ dürfen nicht zum Hindernis für Betriebe werden. Nur entsprechend qualifizierte Mitarbeiter sind in der Lage, komplexe und dynamische Arbeitsabläufe zu beherrschen und weiterzuentwickeln. Betriebe leisten hier durch Schulungen und betriebsinterne Weiterbildung einen großen Anteil, dürfen aber mittel- und langfristig in diesen Bemühungen nicht alleine gelassen werden. Um die zukünftigen Fachkräfte auf die Anforderungen von Arbeit 4.0 vorzubereiten, sollte die Vermittlung einschlägiger IT-Basiskompetenzen wesentlich stärker als bisher bereits heute in den Schulcurricula und in der entsprechenden Lehrer- und Berufsschullehreraus- und -fortbildung erfolgen. In der schulischen MINT-Bildung sollten die Fächer Informatik und Technik in vergleichbarer Weise wie die Naturwissenschaften gestärkt werden.

Insgesamt sehen viele Experten Deutschland in Sachen Digitalisierung nicht ganz vorn. Was müsste die Politik aus Ihrer Sicht noch tun?
Insbesondere im ländlichen Raum sollte der Ausbau einer zukunftsfähigen digitalen Infrastruktur – stationär und mobil – auf Basis von Glasfasertechnologien noch stärker vorangetrieben werden. Das ist eine Grundvoraussetzung der Digitalisierung. Doch sollte auch die Vernetzung der Unternehmen noch stärker unterstützt und gefördert werden. Digitale Plattformen sind in einer Schlüsselposition für die Sammlung und Auswertung großer Datenmengen und die damit verbundenen Chancen auf neue Geschäftsmodelle und Märkte. Zudem vernetzen sich kleine und mittlere Unternehmen enger entlang der Lieferkette und bilden gemeinsame Plattformen, um die Potenziale des Datenaustauschs für ihre digitalen Geschäftsmodelle besser nutzen zu können. Insbesondere auch die kleinen Unternehmen, die sich mit der Digitalisierung noch schwertun und noch nicht ausreichend Kompetenzen besitzen, müssen unterstützt werden, die modernen IT-Techniken in Einkauf, Vermarktung und Vertrieb einzusetzen. Die Politik sollte daher gemeinsam mit der Wissenschaft diese Vernetzung unterstützen und fördern. Über die EU-Datenschutzgrundverordnung hinaus hat Klarheit über die Nutzungsrechte an Daten für die Wirtschaft höchste Priorität. Deshalb sollte die Etablierung europäischer Standards im globalen Wettbewerb im Fokus stehen.

Die politischen Rahmenbedingungen sind das eine – Gründer- und Unternehmergeist, sowie Innovationsbereitschaft das andere. Wie sehen Sie Ihre Region diesbezüglich aufgestellt?
Die digitale Gründerszene holt in Hessen seit einigen Jahren mächtig auf. Dank der Vielzahl an digitalen Forschungsinitiativen, Inkubatoren, Gründer- und Kompetenzzentren hat das Land sehr gute Voraussetzungen für digitale Innovationen. Mit rund 80 Fintech Startups und einem hervorragenden Startup-Ökosystem ist die Region FrakfurtRheinMain auf dem besten Wege zu einem international führenden Fintech-Hub zu werden. Das Thema Industrie 4.0 und Mittelstand erfährt durch das BMWi-geförderte „Kompetenzzentrum Mittelstand 4.0 Darmstadt“ in Südhessen und die privatwirtschaftliche Initiative „Smart Electronic Factory“ in Mittelhessen starken Aufschwung. Flankiert werden diese Initiativen durch eine Stiftungsprofessur Industrie 4.0 in Mittelhessen und verschiedene Hochschulen und Forschungszentren in ganz Hessen, die im Bereich IT-Sicherheit - einem Schlüsselthema im digitalen Zeitalter - weltweit Maßstäbe setzen.