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23.08.2017
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E-AUTOS BRAUCHEN WARNGERÄUSCHE

Wie der DBSV die Fahrzeugindustrie berät

Andreas Bethke, Geschäftsführer Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. (DBSV)

Andreas Bethke, Geschäftsführer Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. (DBSV) [Quelle: DBSV/Friese]


"Für die mehr als 1,2 Mio. blinden und sehbehinderten Menschen in Deutschland ist die Ausstattung von E-Autos mit Lautsprechern, die ein Warngeräusch aussenden, ein bedeutender Zugewinn an Sicherheit im Straßenverkehr." Das sagt Andreas Bethke, Geschäftsführer Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV). In der Debatte auf Meinungsbarometer.info klärt er jetzt auf, wie DBSV die Fahrzeugindustrie "zu den tonalen Komponenten eines Warngeräusches" berät.


E-Autos sollen demnächst über Außenlautsprecher Geräusche abgeben – ein Gewinn an Sicherheit oder ein Verlust für die Umwelt?
Für die mehr als 1,2 Mio. blinden und sehbehinderten Menschen in Deutschland ist die Ausstattung von E-Autos mit Lautsprechern, die ein Warngeräusch aussenden, ein bedeutender Zugewinn an Sicherheit im Straßenverkehr. Da E-Autos bis zu einer Geschwindigkeit von 20 km/h nahezu lautlos fahren, können sie von uns über den Hörsinn nicht wahrgenommen werden. Verlässliche Studien über Unfallzahlen bestätigen, dass die Häufigkeit von Kollisionen zwischen Autos und Fußgängern vor allem bei niedrigen Geschwindigkeiten (bis zu 20 km/h) bei Elektro- und Elektro-Hybridfahrzeugen wesentlich höher liegt, als bei Autos mit einem Verbrennungsmotor. Experten aus unterschiedlichen Fachdisziplinen sind der Überzeugung, dass ein Hauptgrund dieses Phänomens das nahezu lautlose Motorengeräusch bei diesen Fahrzeugen ist.

Damit auch ältere und Menschen mit eingeschränkter Hörfähigkeit sie hören, sollen die Geräusche in Frequenzen abgegeben werden, die besonders gut wahrnehmbar sind – die dadurch aber auch besonders aufdringlich klingen. Wie bewerten Sie das?
Der DBSV war an den Beratungen der Fahrzeugindustrie zu den tonalen Komponenten eines Warngeräusches beteiligt. Uns war es immer wichtig, dass ein Geräusch so laut und vielseitig sein muss, dass Fußgänger ein Elektrofahrzeug genau lokalisieren, dass sie seinen Operationsmodus (Anfahren, stehen, bremsen) genau bestimmen und dass sie mit Sicherheit hören können, in welche Richtung sich das Auto bewegt. Wir haben uns aber auch an Untersuchungen beteiligt, Geräusche zu ermitteln, die so konzipiert sind, dass sie als möglichst wenig belastend empfunden werden.
Wir sind der Meinung, dass es der Autoindustrie nach jahrelangen Beratungen und Tests gelungen ist, technische Spezifikationen, in Bezug auf die anzuwendenden Frequenzen und deren Oktavbänder, zu erarbeiten, die ein Maximum an Sicherheit bei einem Minimum an Belastung bringen. Auch wird die Autoindustrie nicht irgendwelche aufdringlichen Geräusche verwenden. Es ist ihr eigenes Interesse, dass sich auch ein E-Auto wie ein Auto anhört.

Derzeit sind E-Auto vor allem bei niedrigen Geschwindigkeiten beinahe lautlos – sollten im Falle eines Falles bereits zugelassene Autos nachgerüstet werden?
Wir haben uns immer dafür stark gemacht, dass alle Arten von E-Autos (Pkws und Busse) mit einem Warngeräusch ausgestattet werden müssen. Das schließt auch diejenigen Autos ein, die sich bereits im Straßenverkehr befinden. Es ist doch eine Zumutung, dass heute schon viele E-Autos ohne Warngeräusch auf den Straßen unterwegs sind, die unter anderem Menschen mit Seheinschränkung massiv gefährden und eine unabhängige und sichere Mobilität erheblich erschweren. Insbesondere die Hersteller von E-Bussen haben bisher nicht erkannt, dass ein Warngeräusch dringend notwendig ist, um potenzielle Unfälle mit Fußgängern zu vermeiden. Hier ist eine Nachrüstung dringend notwendig.

Messungen haben ergeben, dass bestimmte Benzin-Autos ebenfalls sehr leise sind – wie sollen solche Wagen behandelt werden?
Auch blinde und sehbehinderte Menschen begrüßen es, wenn der Straßenverkehr tendenziell und langfristig leiser wird. Bemühungen in diese Richtung sind für die Gesundheit und das Wohlbefinden aller Menschen zuträglich. Solange jedoch Verbrennungsmotoren und Elektromotoren in einem Verkehrsmix auf den Straßen unterwegs sind, muss für jedes Auto ein Mindestmaß an Hörbarkeit gegeben sein. Praktisch unhörbare Verbrenner kennen wir bisher nicht. Im Gegenteil: Eine Obergrenze für die Lärmemmission von Verbrennern könnte deshalb allen helfen, ohne Sicherheit zu kosten.