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18.10.2017
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HYPERLOOP WIRD NICHT IN DEUTSCHLAND STARTEN

Warum es neue Technologien hierzulande so schwer haben

Carl Brockmeyer, Geschäftsführer der Firma Leybold in Nordamerika

Carl Brockmeyer, Geschäftsführer der Firma Leybold in Nordamerika [Quelle: Krisztian Bocsi]


"Der Hyperloop kann nach aktuellen Rechnungen vor allem gegen heutige kurz- bis mittellange Flugstrecken in den Wettbewerb gehen und das Flugzeug aber auch den Fernverkehr im Zug wirtschaftlich ersetzen", erklärt Carl Brockmeyer, Geschäftsführer der Firma Leybold in Nordamerika. Das werde er zunächst jedoch nicht in Deutschland tun. Leybold ist mit seiner über 165-jährigen Geschichte eines der traditionsreichsten Unternehmen in Sachen Vakuumtechnologie und heute weltweit tätig.


Elon Musk, SpaceX- und Tesla-Motors-Chef, hat angekündigt, mit dem sogenannten Hyperloop den Verkehr revolutionieren zu wollen. Was halten Sie von dieser Technologie?
Die Idee ist gar nicht so neu, bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurden erste Konzepte zu Transportsystemen in einem Rohr vorgestellt, mussten jedoch immer wieder kostengünstigeren Alternativen weichen. Zwischen 1870 und 1873, noch vor dem Bau der heutigen U-Bahn, war in New York eine pneumatisches Verkehrsmittel in Betrieb, das einer Rohrpostleitung und damit dem heutigen Hyperloop Konzept recht ähnlich ist, da mit Druckunterschieden im Rohr gearbeitet wurde. Der weitere Ausbau fiel jedoch zuletzt einer Bankenkrise 1873 zum Opfer. Seitdem hat sich die Technologie erheblich weiter entwickelt. Die einzelnen Bestandteile der Hyperloop-Technologie existieren bereits und lassen sich wirtschaftlich bauen – es gibt zahlreiche Experten für den Bau von Rohren und Pfeilern sowie Schlüssellieferanten für den elektro-magnetischen Antrieb und die Lagerung der Transportkapseln. Vakuumsysteme werden seit 1850 im Hause Leybold entwickelt und gebaut und finden heute in unzähligen Industrien Anwendung.

Technologisch ist der Hyperloop vollkommen realisierbar, die Herausforderung liegt eher darin das System kostengünstig zu skalieren. Daran arbeiten heute zahlreiche Unternehmen und Ingenieure und es kommen regelmäßig neue Spieler auf den Markt. Je näher man sich mit dem Thema auseinandersetzt, desto mehr beginnt man die Vorteile des Hyperloop verstehen – so liegen die größten Vorteile vor allem in dem kostengünstigen Betrieb im Vergleich zu bestehenden Schnellzugsystemen sowie der Geschwindigkeit und damit der Effizient des Reisens vor allem im Vergleich zu kurz- bis mittellangen Flugstrecken.

Eine Kapsel mit Passagieren, die mit sehr hoher Geschwindigkeit durch eine fast luftleere Röhre schießt, ist das für den menschlichen Organismus überhaupt machbar?
Für den Menschen wird das Reiseerlebnis gut vergleichbar mit einer Reise in einem Flugzeug sein, welches in dem Vergleich eine „Kapsel mit Flügeln“ ist, die auf einer Flughöhe von über 10.000 Metern Höhe bereits 80 % weniger Druck ausgesetzt ist als auf der Erdoberfläche und in sehr hohen Geschwindigkeiten reist. Der Mensch ist durch die Kapsel geschützt, die den Druckausgleich herstellt. Die Geschwindigkeit spürt man überwiegend bei Beschleunigung, beim Bremsen und bei Richtungsänderungen, vergleichbar mit dem Fliegen. Selbstverständlich wir der Hyperloop nur erfolgreich, wenn er auch die Akzeptanz der reisenden Bevölkerung findet, daran wird genauso in Teams gearbeitet wie an der Weiterentwicklung der einzelnen technologischen Komponenten.

Zu Musks Ideen gehört auch ein Rundkurs durch Deutschland, ist das pure Science Fiction oder wäre ein solch gewaltiges Projekt in Deutschland denkbar und wäre das überhaupt sinnvoll?
Hier muss etwas differenziert werden, da Elon Musk bisher selbst keine kommerziellen Hyperloop Projekte in Europa verkündet hat. Es gibt andere inzwischen sehr prominente Unternehmen wie z. B. Hyperloop Transportation Technologies und Hyperloop One, beide aus den USA, die die Idee Musks aufgegriffen haben und an der Kommerzialisierung der Technologie arbeiten und Projekte überall auf der Welt vorantreiben. So hat Hyperloop Transportation Technologies bereits Absichtserklärungen zur Entwicklung von Hyperloop Systemen in Frankreich, Tschechien, der Slowakei, Südkorea, Abu Dhabi, Indonesien und zuletzt auch Indien unterzeichnet. Einige der Projekte haben bereits die Planungsphase verlassen und sind nun in die konkrete Bauphase übergegangen.

Von einem konkreten Projekt in Deutschland ist mir bislang nichts bekannt. Wäre das überhaupt sinnvoll? Solange die bestehenden Verkehrsmittel in Deutschland, allen voran die Bahn, öffentlich vom Staat subventioniert werden müssen, sollten wir jede Möglichkeit nutzen, die es uns erlaubt wirtschaftlich nachhaltiger zu agieren. Der Hyperloop kann mit seinem Geschäftsmodell, das abzielt den Bau und die Betriebskosten selbst zu tragen, eine wirtschaftlich sinnvolle Alternative sein. Im Vergleich zu Deutschland ist der Schmerz in anderen Ländern, in denen heute noch keine vergleichbare Infrastruktur existiert, jedoch wesentlich höher, und daher werden wir die ersten Hyperloop Projekte nicht bei uns im Land sehen.

Wie steht es um unsere aktuellen Verkehrsträger, wer ist am zukunftssichersten aufgestellt, wo gibt es noch technologischen Spielraum für Verbesserungen?
Der Hyperloop kann nach aktuellen Rechnungen vor allem gegen heutige kurz- bis mittellange Flugstrecken in den Wettbewerb gehen und das Flugzeug aber auch den Fernverkehr im Zug wirtschaftlich ersetzen. Wie aber bereits gesagt ist der Schmerz in Deutschland vermutlich noch nicht groß genug, um die bestehende Infrastruktur vollkommen in Frage zu stellen. Die Innovationszyklen verkürzen sich rapide, Teile des Wissens, die ein Ingenieur oder ein Programmierer heute in seinem ersten Studienjahr erlernt, werden bei Ende seines Studiums bereits obsolet sein. Deutschland ist zwar in vielen Bereichen „noch“ Technologieführer, so auch bei der Entwicklung der notwendigen Technologien für autonomes Fahren, aber wir müssen auch das notwendige Umfeld schaffen für die Erprobung und den Einsatz dieser Technologien. Warum testet ein Unternehmen wie Uber seine Autonomen Taxis nicht in Berlin oder Hamburg, sondern in Pittsburgh, USA? Warum tun wir uns seit Jahren überhaupt so schwer mit der Akzeptanz neuer Geschäftsmodelle wie Uber, welches in nahezu allen Ländern der Welt, die ich in den vergangenen Jahren geschäftlich besucht habe, bereits Normalität ist? Zukunftssicher ist nur wer ständig bereit ist, sich und sein Geschäftsmodell selbst in Frage zu stellen und dadurch weiter zu entwickeln. Das muss auf einen Staat und seine Investitionen genauso zutreffen wie auf ein Unternehmen.