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23.08.2017
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JEDE REGION BRAUCHT EIGENES MOBILITÄTSKONZEPT

Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung wirbt für regionale Mobilitätszentralen mit zentralem Ansprechpartner

Dr. Hanns-Christoph Eiden, Präsident der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung

Dr. Hanns-Christoph Eiden, Präsident der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung [Quelle: BLE]


Ohne die Sicherung der Mobilität kann auch die Daseinsvorsorge nicht gesichert werden. das sagt Dr. Hanns-Christoph Eiden, Präsident der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Doch allgemeingültige Verkehrslösungen für das Land gebe es nicht. Vielmehr sei es wichtig, die örtlichen Gegebenheiten und Bedürfnisse zu berücksichtigen und gemeinsam mit den Betroffenen ein spezifisch auf die Region zugeschnittenes Mobilitätskonzept zu entwickeln. "Hier sollte ein breiter integrierter Ansatz gewählt werden, in dem alle zur Verfügung stehenden Mobilitätsangebote."


Wie bewerten Sie Stand und Perspektiven für die Mobilität im ländlichen Raum, gerade im Hinblick auf viele wegfallende ÖPNV-Angebote?
Insbesondere dünn besiedelte ländliche Räume sind von den Folgen des demografischen Wandels schon heute betroffen. Dort wo die Bevölkerungszahlen sinken, schrumpft auch die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen. Als Reaktion schließen Einrichtungen der sozialen Infrastruktur, der Versorgung und der Kultur. Weit gestreute Wohnstandorte und auf zentrale Orte konzentrierte Versorgungs-und Dienstleistungsangebote erschweren die Teilhabe an Bildung, Gesundheit und anderen Bereichen der Daseinsvorsorge und machen ein hohes Maß an Mobilität erforderlich. Das Auto ist hier meist die einzige Möglichkeit, die gewünschten Orte in akzeptabler Zeit zu erreichen. Was aber tun die Menschen, die noch nicht oder nicht mehr fahren können? Auch die Älteren sowie Kinder und Jugendliche möchten sich in ihrer Umwelt bewegen. In der Regel nehmen diejenigen, die nicht selbst fahren können oder wollen, private Fahrdienste in Anspruch. So ist häufig die erste Alternative zum eigenen Auto das Auto der Verwandtschaft oder der Nachbarn. Den Betroffenen sichert dies zwar eine gewisse Mobilität, doch fehlende Alternativen bedeuten für sie Abhängigkeit und Einschränkung der Lebensqualität. Fest steht: Ohne die Sicherung der Mobilität kann auch die Daseinsvorsorge nicht gesichert werden.

Wie könnten neue Mobilitätskonzepte im ländlichen Raum aussehen, damit ländliche Regionen nicht gegenüber den Städten abgehängt werden?
Die zahlreich existierenden Beispiele und Projekte zur Organisation und Sicherstellung der Mobilität in ländlichen Regionen sind so vielfältig und heterogen wie die Regionen selbst. Sie zeugen von großer Kreativität und Einfallsreichtum. Dabei wird deutlich, dass es keine allgemeingültige Lösung gibt. Vielmehr ist es wichtig, die örtlichen Gegebenheiten und Bedürfnisse zu berücksichtigen und gemeinsam mit den Betroffenen ein spezifisch auf die Region zugeschnittenes Mobilitätskonzept zu entwickeln. Hier sollte ein breiter integrierter Ansatz gewählt werden, in dem alle zur Verfügung stehenden Mobilitätsangebote – vom klassischen ÖPNV über Mitfahrsysteme bis hin zum Fahrrad – berücksichtigt werden. Ziel sollte es sein, die einzelnen Verkehrsmittel in einem System so miteinander zu verknüpfen, dass ein flächenhaftes, barrierefreies und transparent gestaltetes Angebot entsteht, das von einer regionalen Mobilitätszentrale als zentralem Ansprechpartner koordiniert wird. Wichtig ist letztlich auch die Vermarktung des Angebots, um die entsprechende Zielgruppe zu erreichen.

Welche Möglichkeiten bieten integrierte Mobilitätskonzepte auf dem Land? Welchen Chancen bietet ggf. der autonome on demand-Verkehr?
Die Situation in ländlichen Räumen setzt voraus, dass in der Diskussion um die künftige Ausgestaltung von Einrichtungen der Daseinsvorsorge gleichzeitig das Problem ihrer Erreichbarkeit mitgedacht werden muss. Es ist unbestritten, dass Angebote der Grundversorgung ohne ein entsprechendes Mobilitätsangebot nicht erreicht werden können. Ein solches Mobilitätsangebot darf sich dabei nicht ausschließlich auf den klassischen ÖPNV beschränken: Als Folge des demografischen Wandels verändern sich die Mobilitätsanforderungen in den dünn besiedelten ländlichen Räumen. Schülerzahlen gehen zurück, während der Bedarf an Mobilitätsangeboten für Ältere zunimmt. Insgesamt werden die Anforderungen an ein Mobilitätsangebot im ländlichen Raum – etwa bezüglich spezieller Serviceleistungen und Flexibilität – komplexer und damit auch schwieriger umzusetzen. Autonome on demand-Verkehre als Teil des öffentlichen Verkehrs können das ÖPNV-Angebot ergänzen. Fahrerlose Mini-Busse können zum Beispiel auch schwach ausgelastete Linien im ländlichen Raum bedienen. Autonome Carsharing-Autos, die auf Zuruf vorfahren, machen das eigene Auto überflüssig. Im Sinne eines nachhaltigen und klimafreundlichen Verkehrs bieten autonome Fahrzeuge im öffentlichen Verkehr die Chance, mehr Mobilität mit weniger Autoverkehr zu erreichen.

Wie sieht Ihre persönliche Zukunftsvision von der Mobilität im ländlichen Raum aus und was gehört alles dazu?
Ein attraktives Lebensumfeld und eine gute Grundversorgung, sind Voraussetzung dafür, dass Menschen in ihrer ländlichen Heimat bleiben und Menschen dorthin kommen. Auf diese Weise wird die Lebensfähigkeit ländlicher Räume erhalten und sogar gestärkt. Es geht darum, auch unter veränderten Rahmenbedingungen in ländlichen Räumen eine nachhaltige Entwicklung mit hoher Lebensqualität, Arbeitsplätzen und einer gesunden Umwelt zu ermöglichen. Die Entwicklung und Umsetzung von tragfähigen Mobilitätskonzepten spielen dabei eine zentrale Rolle. Damit die Erreichbarkeit von Gesundheits-, Einzelhandels- oder Weiterbildungsangeboten gewährleistet bleibt, sind Ideen gefragt, wie die Menschen oder auch die Versorgungs- und Dienstleistungsangebote mobiler werden können. Mit dem 2015 gestarteten Bundesprogramm Ländliche Entwicklung (BULE) hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft neue Möglichkeiten und Spielräume geschaffen, um modellhafte, innovative Ideen zu fördern, die zukunftsfähige und nachhaltige Lösungen für ein gutes Leben im ländlichen Raum entwickeln und erproben. Mit der Umsetzung des BULE, für die allein im Jahr 2017 nicht weniger als 55 Mio. Euro bereitstehen, wurde das Kompetenzzentrum Ländliche Entwicklung in der BLE betraut. Dabei profitieren wir in der BLE von der engen Zusammenarbeit mit der Deutschen Vernetzungsstelle Ländliche Räume (dvs) sowie deren Erfahrungen und etablierten Kontakten zu den Akteuren in den ländlichen Regionen.