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24.11.2017
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MITTELGROßE UND KLEINERE STÄDTE HABEN PROBLEME

Wie sich der Einzelhandel auf die Digitalisierung einstellen muss

Jens Torchalla, Partner und Handelsexperte bei Oliver Wyman

Jens Torchalla, Partner und Handelsexperte bei Oliver Wyman [Quelle: Marc Dietenmeier BFF]


"Damit der stationäre Handel dem Onlinehandel trotzen kann, ist ein Quantensprung in der Qualität erforderlich", sagt Jens Torchalla, Partner und Handelsexperte bei Oliver Wyman, eine der weltweit führenden Managementberatungen. Doch der Experte sieht durchaus auch Vorteile beim stationären Handel.


Wie attraktiv sind eigentlich die deutschen Innenstädte in Bezug auf modernes Einkaufen, was ist gut, was könnte noch besser sein?
Die deutsche Innenstadt hat deutlichen Nachholbedarf im Hinblick auf modernes Einkaufen. Allerdings passiert viel und die stationäre Handel reagiert bereits an vielen Stellen auf die neue Konkurrenz, um Umsätze und Kunden bei sich zu behalten. Auch muss man zwischen verschiedenen Standorten unterscheiden: Die Metropolen haben nie an Innovations- und Entwicklungskraft verloren und sind immer attraktiv geblieben. Eher die mittelgroßen und kleineren Städte haben Probleme.

Die Innenstädte geraten durch das wachsende Onlinegeschäft immer stärker unter Druck. Verschwinden schon bald Buchläden, Banken, Schuhgeschäfte aus den Innenstädten und drohen uns wahre Geistercities?
Der Onlinehandel macht dem stationären Handel sehr wohl Konkurrenz. Wir sehen das auch im LEH. Bei einem überzeugenden Onlineangebot könnten Internet- beziehungsweise Multikanal-Supermärkte bereits 2020 sechs bis acht Milliarden Euro des Umsatzes im Lebensmitteleinzelhandel aus dem Netz erwirtschaften – zulasten des stationären Handels. 2.000 Märkte stünden auf dem Spiel. Damit der stationäre Handel dem Onlinehandel trotzen kann, ist ein Quantensprung in der Qualität erfordert. Im LEH ist ein Fokus auf Frische zu setzen. Im Nonfood-Bereich ist dieser Trend schon seit Jahren massiv zu beobachten. Nicht nur Amazon hat hier dafür gesorgt, dass die stationären Händler hier ins Hintertreffen geraten sind und Umsätze massiv ins Netz abgewandert sind. Das betrifft nicht nur Bücher, sondern auch fast sämtliche andere Warenbereiche wie Kleidung, Hartwaren oder Elektronik. Viele Händler sind weiterhin von dieser Abwanderungsbewegung bedroht. Um Geistercities zu vermeiden, muss der stationäre Handel dagegen halten und dem Kunden zeigen, dass man noch etwas zu bieten hat. Dabei gilt es auch, kreative Lösungen zu suchen und bspw. mit den Städten gemeinsame Konzepte zu entwickeln, etwa was die Verkehrsanbindung, Öffnungszeiten oder Bebauungspläne angeht.

Wie können sich der stationäre Handel und der Internethandel arrangieren? Wer kann ggf. was besser?
Die Vorteile des stationären Handels liegen in der Tatsache, dass der Kunde die Ware anfassen und prüfen kann um sich von der Qualität zu überzeugen. Der Onlinehandel hingegen überzeugt durch Convenience. Man muss nicht einmal das Haus verlassen und bekommt alles nach Hause geliefert. Eine Kombination beider Varianten im sogenannten Multichannel, kann beiden Kanälen helfen und denjenigen Spielern, die diese Kombination für die Kunden am besten beherrschen einen deutlichen Wettbewerbsvorteil verschaffen.

Welche Konzepte brauchen die Citys aus Sicht eines Handelsexperten, um auch im Digitalzeitalter attraktiv zu bleiben?
Um auch im Digitalzeitalter attraktiv zu bleiben müssen Städte gemeinsam mit Händlern daran arbeiten, den Bürgern ein emotionales Einkaufs- und Markenerlebnis zu bieten. Dabei werden Abwechslung und Innovation groß geschrieben. Ob Lebensmittel, Kleidung, Kosmetik oder Elektronik – es gilt, den Freizeitwert des Einkaufs zu steigern. Gastronomie beispielsweise bekommt eine ganz neue Bedeutung. Dabei gilt es, eine intelligente Verknüpfung von on- und offline zu spielen und dem Kunden einen neuen Wert des stationären Geschäfts zu vermitteln. Und von Anfang bis Ende und immer individueller auf den Kunden einzugehen, diesen immer besser kennen zu kennen und ihm maßgeschneiderte Angebote anbieten zu können.

Wie steht es um das Thema Mobilität und Verkehr in den Stadträumen, müssen hier neue Konzepte her,  damit auch künftig die Menschen in den Citys einkaufen?
Eine der größten Herausforderungen für Städte ist das Verkehrschaos während der Anlieferzeiten. Die rasante Entwicklung der Einwohnerzahlen sowie das zunehmende Wirtschaftswachstum lassen auch das Güterverkehrsaufkommen immer weiter ansteigen. Bei begrenzten Straßenkapazitäten müssen Städte diese Herausforderung bewältigen sowie gleichzeitig Lärm und Emissionen wie CO2 und Feinstaub deutlich verringern. Neue gemeinsame Konzepte von Städten, Logistik und Transportbranche, Automobilherstellern und IT-Dienstleistern bieten weltweit vielversprechende Lösungen und die Möglichkeit, neue und gewinnbringende Geschäftsfelder für die beteiligten Industrien zu erschließen.