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18.10.2017
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PRIVATE WOLLEN MIT ANGRIFFEN AUF ÖFFENTLICH-RECHTLICHE VON EIGENEN VERSÄUMNISSEN ABLENKEN

Wo ARD und ZDF aber noch besser werden müssen

Gottfried Müller, Rundfunkratsvorsitzender des Südwestrundfunks (SWR)

Gottfried Müller, Rundfunkratsvorsitzender des Südwestrundfunks (SWR) [Quelle: Kluge/SWR]


"Gebührenanteile für Privatsender wären vollkommen systemfremd", sagt der SWR-Rundfunkratsvorsitzende Gottfried Müller mit Blick auf entsprechende Forderungen. Öffentlich-rechtliche und private Sender hätten vollkommen unterschiedliche Konzepte, Aufträge und Ziele.


ProSiebenSat.1-Vorstand Conrad Albert hat Gebührengelder für private Sender gefordert, da diese den ein Teil der Grundversorgung übernehmen würden. Wie stehen Sie dazu?
Gebührenanteile für Privatsender wären vollkommen systemfremd.

Der öffentlich rechtliche Rundfunk ist ein Teil der Verfassungsordnung der Bundesrepublik Deutschland. Im Rundfunkstaatsvertrag erhält er einen Auftrag, der den Sendern eine ganze Reihe von Pflichten auferlegt. Dazu zählen vor allem der Kultur- und Bildungsauftrag. Ziel ist nicht zuletzt die Demokratie zu fördern und zu schützen. Privatsender sind Wirtschaftsunternehmen, die sich über den Verkauf von Werbezeiten finanzieren und dafür ein attraktives Rahmenprogramm anbieten müssen. Dies ist eine frei gewählte Unternehmensform. Es erstaunt mich, dass der Chef eines Senders, dessen Programm - wenn er nicht "Germanys Next Topmodel" sendet - im Wesentlichen aus den ständig wiederholten Folgen von den "Simpsons", "Two and a half man", und "Big Bang Theory" besteht - die ich im Übrigen mit großem Vergnügen einschalte - sein Werbebegleitprogramm einen Teil der Grundversorgung nennt.
 
Namentlich die junge Zielgruppe wird nach Ansicht Alberts mit Informationen vornehmlich von den Privaten versorgt, da die Öffentlich-rechtlichen diese Zielgruppe kaum anspreche. Sehen Sie ARD und ZDF da stärker in der Pflicht?
Die Aussage von Herrn Albert ist schlicht und einfach gefälscht, weil er die jungen Zuschauer, die die Tagesschau über die Regionalen Sender sehen, unterschlägt. Es ist allerdings richtig, dass die privaten Sender, junge Zuschauende besser erreichen. Die Altersgruppe der 19- bis 49-Jährigen ist für die Werbewirtschaft die wichtigste Zielgruppe, also richten die Sender ihr Programm entsprechend aus. Nichtsdestotrotz sind die ARD und ZDF gefordert jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer besser zu erreichen. Der Rundfunkrat des SWR hat gemeinsam mit dem Intendanten Peter Boudgoust jahrelang um einen Jugendkanal gekämpft. Schließlich haben die Ministerpräsidenten nach langen Debatten das junge Angebot "funk" beauftragt, ihm aber einen linearen Kanal vorenthalten. Das Angebot ist nur online und über die sozialen Netzwerke zu erreichen. Inhaltlich ist "funk" auf gutem Weg, Die Reichweite ist allerdings noch steigerungsfähig.
 
Eine Anregung ist es, Gebühren nicht an Institutionen, sondern am Inhalt zu orientieren. Wie könnte eine Förderung „gesellschaftlich relevanter“ Medien-Inhalte aussehen?
Dem Vorschlag fehlt jede realistische Umsetzungsperspektive. Er dient nur dazu davon abzulenken, dass öffentlich-rechtliche und private Sender vollkommen unterschiedliche Konzepte, Aufträge und Ziele haben.
 
In dem Interview kritisiert Albrecht Art und Umfang des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland auch insgesamt. Sehen Sie Reformbedarf?
Zurzeit erarbeiten die Intendanten von ARD und ZDF eine ganze Reihe von Vorschlägen für die Medienkommission der Bundesländer um produktiver und effizienter zu wirtschaften. Die größte Reform findet allerdings eher unbeachtet statt, es ist der Umbau der Sender zu multimedial ausgerichteten Anstalten. Das dient der Anpassung an die veränderten Kommunikationsbedingungen insbesondere der jüngeren Generation.

Die Lobbyisten der kommerziellen Medien verlangen gebetsmühlenartig seit vielen Jahren eine künstliche Verknappung des Angebots der öffentlich-rechtlichen Sender. Ich bezweifle, dass das Publikum, das heute "Lecker aufs Land" sieht zu "Germanys Next Topmodel" wechselt. Die Angriffe auf ARD und ZDF dienen oft dazu von eigenen Versäumnissen - auch im Online-Bereich - abzulenken.